04.02.2026

Armutsgefährdung
In der Süddeutschenzeitung ist zu lesen: "Etwa 13,3 Millionen Menschen gelten inzwischen als armutsgefährdet, fast jeder sechste. Die SPD warnt vor Kürzungen bei der sozialen Sicherung. Die Union setzt darauf, die Menschen mit strengeren Regeln und Anreizen in Arbeit zu bringen."
Die Zahl ist ein Alarmsignal: Wenn fast jeder sechste Mensch als armutsgefährdet gilt, dann ist Armut kein Randphänomen mehr, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen. In dieser Lage wirkt der politische Reflex, den Schwerpunkt vor allem auf „strengere Regeln“ zu legen, mindestens verkürzt. Arbeit ist wichtig, keine Frage – aber sie ist längst keine Garantie mehr gegen Armut. Wer Vollzeit arbeitet und dennoch kaum über die Runden kommt, braucht keine zusätzlichen Sanktionen, sondern bessere Löhne, verlässliche Arbeitszeiten und bezahlbaren Wohnraum.
Die SPD hat recht, wenn sie vor Kürzungen bei der sozialen Sicherung warnt. Ein Sozialstaat ist kein Luxus für gute Zeiten, sondern ein Sicherheitsnetz für Krisen – und wir leben offenkundig in solchen. Wer hier spart, riskiert nicht nur individuelle Abstiege, sondern auch gesellschaftlichen Zusammenhalt. Armut vererbt sich, sie schränkt Bildungschancen ein und erzeugt Frust, der politisch explosiv werden kann.
Die Union wiederum setzt auf Anreize und Pflichten, um Menschen in Arbeit zu bringen. Das kann sinnvoll sein – aber nur dort, wo passende, existenzsichernde Arbeit auch tatsächlich vorhanden ist. Anreize ohne Perspektiven laufen ins Leere, Härte ohne soziale Absicherung wird schnell zur Bestrafung der Falschen. Die eigentliche Aufgabe wäre, beide Ansätze zusammenzudenken: einen starken Sozialstaat, der absichert, und eine Arbeitsmarktpolitik, die gute Arbeit schafft. Alles andere ist Symbolpolitik auf dem Rücken von Millionen.

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